BANDSCHEIBENPROLAPS
Prolaps einer Bandscheibe
Sozialgericht stärkt die Rechte von Schmerzpatienten. Danach hat ein Schmerzpatient das Recht in einer schmerztherapeutischen Klinik behandelt zu werden, auch im Falle von einem schmerzhaften Bandscheibenprolaps braucht er also nicht irgendeine der sonst üblicherweise angebotenen, orthopädische Rehabilitation akzeptieren und kann unter Hinweis auf das Urteil gleich Widerspruch einlegen. Hier gelangen Sie zu dem Urteil (dieses gilt sinngemäß natürlich nicht nur für die Rentenversicherungen sondern auch für Krankenkassen), das mittlerweile rechtskräftig ist.
Ein Bandscheibenprolaps sollte nur dann operiert werden und darüber sind sich die Fachleute einig, wenn es durch den Vorfall der Bandscheibe zu einer Ner venlähmung bzw. Nervenschädigung gekommen ist. Leider sehen wir in der Klinik nicht wenige Patienten bei denen eine solche Indikation (= Anzeige) nicht vorlag und bei denen die Schmerzen trotz Operation (z.B. Laminektomie, Nukleotomie, Diskotomie, Diskektomie) weiterhin bestehen, oder sogar noch schlimmer geworden sind. Man fragt sich natürlich in diesen Fällen, warum nicht schon vor der Operation eine schmerztherapeutische Behandlung versucht wurde.
Die Bandscheibe wird auch als Zwischenwirbelscheibe bezeichnet. Sie besteht aus einem weichen Kern (Nucleus pulposus) und einem umgebenden Faserknorpelring (Anulus fibrosus) und ist auf der Ober- und Unterseite von einer dünnen, fest verwachsenen Hyalinknorpelschicht bedeckt.
Die Bandscheiben verbinden die einzelnen knöchernen Wirbelkörper miteinander und stabilisieren so die Wirbelsäule. Aufgrund ihrer druckelastischen Eigenschaft wirken sie darüber hinaus wie "Stoßdämpfer".
Von den drei
(Haupt-) Abschnitten der
Wirbelsäule
ist die
Brustwirbelsäule
in nur 0,3 bis 2 Prozent der Fälle von einem Bandscheibenprolaps
betroffen, weil in diesem Wir
belsäulenbereich die geringsten
statischen Belastungen auftreten.
Auch an der
Halswirbelsäule
kommt eher seltener zu einem
Bandscheibe
n
prolaps
und dieser tritt meist erst im späteren Alter auf, etwa zwischen 40 und 60
Jahren.
Am häufigsten tritt ein
Bandscheibenprolaps im Bereich der
Lendenwirbelsäule
auf, weil hier die statische Belastung am größten ist, bevorzugt im Alter
zwischen 30 und 50 Jahren.
Wie entsteht nun eine Bandscheibenprolaps ?
Der Wassergehalt des Gallertkernes der
Bandsche
ibe nimmt im Laufe der Zeit ab und damit die
Elastizität, wodurch die Beweglichkeit beeinträchtigt wird. Der Faserring
verliert allmählich seine Haltefunktion, wird rissig und teilweise für die
Gallertmasse durchlässig. Bereits in dieser Phase ist ein
Bandscheibe
n
prolaps möglich.
Bei einem Bandscheibenprolaps kommt es je nach Ausmaß neben
Schmerzen zu
Reflexausfällen oder gar Paresen
(= Lähmungen).
Dieses Gesundheitsproblem ist auch durch eine
Operation letztlich
nicht zu lösen. Der beschriebene typische Ablauf des Abnutzungsprozesses macht
deutlich, daß auch mit einer Operation die eigentliche
Schmerz
ursache ja nicht behoben werden kann, im Gegenteil, es besteht sogar die
Gefahr, daß der degenerative Prozeß noch beschleunigt wird.
Mit jeder Operation nimmt die Tendenz zur Instabilität zu, abgesehen von den
zusätzlichen iatrogenen
(= durch die Operation verursachten) Gewebsschädigungen.
Es ist daher zu begrüßen, daß die Indikation
(= Anzeige)
zur
Bandscheibenoperation
in den letzten Jahren immer mehr eingeschränkt worden ist. Als Grund für eine
Operation ist das Krankheitszeichen "Rückenschmerz"
oder „Kreuzschmerz“
in den Hintergrund getreten. Als relative Indikation
(= Anzeige)
gelten allenfalls unerträgliche,
therapieresistente (=
nichts hilft)
Rückenschmerzen.
Beim sog. Cauda-Syndrom
(=
Rücken
mark
schädigung mit Lähmung
der
Beine),
ebenso bei motorischen Defiziten
(= Beeinträchtigungen der
Muskelfunktion), die unter
konservativer Therapie
(= Behandlung ohne Operation)
bestehen bleiben oder gar zunehmen, muß operiert werden, um eine
Entlastung herbeizuführen.
Medikamentöse Schmerzbehandlung:
Akut und subakut können zunächst (vorwiegend)
peripher wirkende
Analgetika
(=
Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken)
eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika
(= Rheumamittel),
aus dieser Gruppe möglichst
langwirkende und magenschonende wie z.B. Mobec®). Besonders magenschonend und
auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®)
oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit
einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer
Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch
vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch
Muskel
relaxanzien (=
Mittel zur Muskelentspannung) (z.B.
Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden.
Manchmal sind aber die
Schmerzen nur mit
zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®)
(= im Gehirn bzw. Rückenmark
wirkende
Schmerz
mittel)
beherrschbar.
Grundsätzlich sollte aber auch bei einem Bandscheiben
prolaps
eine längerfristige
Schmerz
mittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar
Abhängigkeit
vermieden werden.
Die Kombination mit schmerzdistanzierenden
Antidepressiva
(= Mittel gegen Depression,
aber auch bei chronischen
Schmerzen wirksam)
(z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel
einzusparen.
Chirotherapie
Ein anderer Ansatz der konservativen Therapie ist die Chirotherapie, bei der vom Arzt versucht wird, den Druck der Hernie auf den Nerv durch Manipulation zu mindern, d.h. der Behandler versucht durch bestimmte Bewegungen und Druckpunkte, den Schmerz des Patienten zu bessern.
Therapeutische Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw.
Lokalanästhetika) nach
Bandscheiben prolaps:
Bei anhaltenden
Rückenschmerzen sollten rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden.
Eine sehr wirksame Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist
die therapeutische Lokalanästhesie mit einem langwirkenden örtlichen
Betäubungsmittel (z.B.
Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen und
Nervenblockaden.
Infiltrative
Lokalanästhesie
(= Infiltration mit einem örtlichen Betäubungsmittel)
nach Bandscheibenprolaps:
Die einfachste diesbezügliche
Therapie besteht in der örtlichen Infiltration der meist verspannten, an die Wir
belsäule angrenzenden
Muskulatur.
Je nach segmentaler Ausdehnung reichen ca. 5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5%
völlig aus. Eine weitere Möglichkeit ist die gezielte Infiltration von
Triggerpunkten (=
kleine Reizzonen hpts. in den
Muskeln)
nach vorheriger Identifizierung derselben.
Periphere temporäre
(= oberflächliche, zeitlich begrenzte)
Nervenblockaden:
Zur Unterbrechung segmentaler Reflexkreise, aber auch zur Therapie von
Schmerzausstrahlungen eignen sich bei
Rückenschmerzen
Blockaden (=
Betäubungen) der
korrespondierenden
Nervenwurzel
n
(= im Schmerzbereich befindliche Nervenaustrittstellen neben
der Wir
belsäule).
Im
Lenden
bereich auch kontinuierlich mit Katheter (*siehe
unten).
Schmerzausstrahlungen in
Schulter /
Arm, wie sie bei
einem
Bandscheibe
n
prolaps
der unteren
Halswirbelsäule in
typischer Weise vorkommen, sprechen zufriedenstellend auf die wiederholte hohe
Blockade des Plexus brachialis
(= Betäubung des
Armnervengeflechts im seitlichen Halsbereich)
nach Winnie an. Technisch risikoärmer und oft besser wirksam
ist jedoch die kontinuierliche, retrograd hohe
Plexus brachialis-Blockade mit Katheter (*siehe
unten). Dabei ist der interskalenäre
(= zwischen
Muskeln im
seitlichen, unteren Halsbereich)
Zugang mit einem etwas höheren Risiko behaftet als bei der axillären
Kathetereinpflanzung.
Im Bereich der Be
ine können bei entsprechender radikulärer oder pseudoradikulärer
Schmerzausstrahlung
(= Schmerzen die auf eine tatsächlich oder scheinbar geschädigte Ner
venwurzel zurückzuführen
sind) der vordere
Oberschenkel
nerv (N. femoralis) und / oder der
Ischias
nerv wiederholt blockiert werden, in hartnäckigen Fällen mit Katheter (*
siehe unten).
Ein Bandscheibenprolaps
im mehr oberen Lendenwir
belsäulenbereich
kann zu Schmerzausstrahlung in den Bereich des seitlichen und inneren
Oberschenkels führen. Mit der sog. 3-in-1-Blockade gelingt die zusätzliche
Betäubung der Ner
ven obturatorius und cutaneus femoris
lateralis, deshalb auch geeignet zur Behandlung der
Meralgia paraesthetica
(=
Brennschmerzen an
der Oberschenkelaußenseite).
Eine Periduralblockade
(= rückenmarknahe Betäubung)
im Bereich der Halswir
belsäule erfordert ein strenge
Nutzen-/Risikoanalyse.
Die lumbale Periduralblockade (= rückenmarknahe Betäubung im
Lende
nbereich),
insbesondere
kontinuierlich mit Katheter*, ist bei einem bandscheibenbedingten
Rücken - bzw.
Kreuzschmerz eine
sehr effektive Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären
Bedingungen durchgeführt werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater
Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das
Risiko bei der Anzeige "Rückenschmerzen"
als vertretbar eingestuft werden.
Statt mit einem örtlichen
Betäubungsmittel können die aufgeführten, rückenmarknahen Blockaden auch mit
einer verdünnten Morphin-Lösung durchgeführt werden, allerdings ist dabei die
oft zu beobachtende, über die Behandlungszeit hinaus anhaltende Wirkung deutlich
weniger ausgeprägt.
Bei sehr schweren und sonst kaum behandelbaren
Rückenschmerzen
kann zur Durchführung rückenmarknaher Blockaden auch eine kleine Schmerzpumpe
unter die Haut gepflanzt werden. Das Arzneimittelreservoir der Pumpe wird dann
in bestimmten Zeitabständen durch die Haut hindurch mit Hilfe einer Spritze
wieder aufgefüllt.
* Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Nerven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das Lokalanästhetikum (= örtliches Betäubungsmittel) völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Das örtliche Betäubungsmittel wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Ner ven betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung resultiert. Dies ist der Grund, warum diese Behandlungsmethode besonders bei Schmerzen, die durch entzündliche Prozesse entstanden sind, hilfreich ist. Nach neueren Erkenntnissen vermag eine solche, intensive, längerfristige Blockadebehandlung auch das sog. Schmerzgedächtnis zu löschen.
Physikalische
Therapie:
Auch die Elektrostimulation kann eine
Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane Nervenstimulation mit
Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS) hat den Vorteil, daß sich
die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden paarig
neben der Wir
belsäule im Schmerzbereich aufgeklebt. Durch
Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung
optimiert werden.
Eine weitere physikalische Behandlungsmöglichkeit ist bei
Bandscheibenprolaps die oberflächliche Kältetherapie im
Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen
Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist.
Manche Patienten mit einem Bandscheibenprolaps empfinden
allerdings lokale Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser wirksam. Warme
Bäder können ebenfalls
Rückenschmerzen
lindern.
Die Verordnung von Massagen ist auch bei Schmerzen nach einem
Bandscheibenprolaps nicht sinnvoll. Für den Patient mag diese
Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem Aspekt bringt
sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten.
Nahezu unverzichtbar ist aber die heilgymnastische Therapie, da meist nur
diese geeignet ist, einen ärztlichen
Behandlungserfolg zu sichern und längerfristig zu stabilisieren. Dabei gilt es,
die Mus
kulatur neben der Wir
belsäule zu trainieren, da auf Dauer nur
eine kräftige/suffiziente Mus
kulatur eine statische und dynamische Schwäche des Achsenorgans
kompensieren kann. Darüber hinaus ist eine
Rückenschule sehr hilfreich.
Auch eine
Magnetfeldtherapie kann schmerzlindernd wirken.
Andere
Therapiemaßnahmen:
Bei einem Bandscheibenprolaps
im Lendenwir
belbereich wird der Patienten in ein sog. Stufenbett gelegt, d.h. er
bekommt einen Quader, z.B. aus Schaumgummi in sein Bett, mit dessen Hilfe er mit
abgewinkelten, hochgelagerten Beinen gelagert wird, was den Zug auf den
betroffenen Nerven vermindert und so die Beschwerden lindert.
Der Vollständigkeit halber
darf auch die
Akupunktur nicht unerwähnt bleiben.
Wichtig sind individuelle Instruktionen zur richtigen Haltung und
Vermeidung von übermäßigen Wirbelsäulenbelastungen (funktionelle Ergotherapie
bzw.
Rückenschule).
Darüber hinaus ist anzustreben, daß die betroffenen Patienten Übungen zur
Lockerung der Mus
kulatur erlernen.
Die Verordnung von Hilfsmitteln wie z.B. stabilisierende Korsette sollten dem
Orthopäden vorbehalten sein.
Hypnoide (=
bewußtseinsverändernde) Verfahren
wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind auch bei
Bandscheibenprolaps eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie, da auch sie zu
einer muskulären Entspannung führen, ebenso
Biofeedback (=
Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale).
Wenn Schmerzen nach einem
Bandscheibenprolaps längerfristig bestehen, ist davon auszugehen, daß
bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung)
vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche)
Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich
psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen, ebenso
Anleitungen zur
Schmerzbewältigung.
Wußten Sie schon, daß seit dem 1.4.2007
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